Regionale Identität oder Heimat „vor Ort“? Zivilgesellschaftliche Geschichtsgruppen und Industriekultur im Ruhrgebiet
DOI:
https://doi.org/10.60684/msg.v57i1.103Schlagwörter:
Ruhrgebiet, Strukturwandel, Industriekultur, Geschichte von untenAbstract
Industriekultur wurde im Ruhrgebiet ab Mitte der 1980er Jahre bis zur Jahrtausendwende als verbindendes Element für die heterogene Region etabliert, um deren Strukturwandel zu begleiten und die Entwicklung zur urbanen Metropolregion zu fördern. Die zur gleichen Zeit aktive, große und facettenreiche Szene zivilgesellschaftlicher Geschichtsinitiativen befasste sich zwar neben anderen auch mit industriezeitlichen Themen, sie konzentrierte sich dabei jedoch zumeist auf lokale und milieuspezifische Identitätserzählungen. Eine auf Industriekultur basierende, die ganze Region umfassende Ruhrgebietsidentität aber leitete sie daraus nicht ab. Dies hat eine 2025 publizierte Studie der Geschichtsgruppen des Ruhrgebiets ergeben. Demnach ging die Wertschätzung für Industriekultur zunächst von einer bildungsbürgerlichen Elite und Fachleuten wie Architekt*innen und Historiker*innen aus. Die Verbreitung der daraus erwachsenen regionalen Identitätserzählung war wesentlich politisch und ökonomisch motiviert. Erst allmählich wurde sie im Zuge des sozioökonomischen Strukturwandels der Region von einer breiteren Bevölkerungsschicht akzeptiert und zunehmend als authentisch und identitätsstiftend interpretiert. In erster Linie war es das im Zuge der Bildungsexpansion neu entstehende, postindustrielle Bürgertum, das sich im Rückgriff auf die proletarische Geschichte ein historisches Narrativ aneignete, mit dem es seinen Aufstieg zum hegemonialen Milieu untermauerte. Der Beitrag der Geschichtsinitiativen basierte weit überwiegend auf lokaler Geschichte beziehungsweise vorindustriellen Regionalbezügen.
From the mid-1980s until the turn of the millennium, industrial culture was established in the Ruhr region as a unifying element for this heterogeneous region, with the aim of accompanying its structural change and promoting its development into an urban metropolitan region. The large and diverse scene of civil society history initiatives active at the same time indeed addressed industrial topics, among others, but it mostly focused on local and milieu-specific identity narratives. They did not, however, deduce a regional Ruhr identity based on industrial culture on their findings. This was the conclusion of a study, published in 2025, analyzing the history initiatives active in the Ruhr valley. The article argues that the appreciation for industrial culture initially came from an educated middle-class elite and experts such as architects and historians. Further spreading of the resulting regional identity narrative was largely politically and economically motivated. In the course of the region's socio-economic structural change, the narrative was gradually accepted by wider circles of society and increasingly interpreted as authentic and identity-forming. It was the newly emerging post-industrial bourgeoisie that appropriated a historical narrative by drawing on proletarian history, thereby underpinning its rise to hegemonic status. The contribution of the history initiatives was based predominantly on local history or pre-industrial regional references.
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