Vom Musterprojekt zum Problem? Urbane Aneignung und soziale Aushandlung in der Siegener Winchenbachsiedlung zwischen nationalsozialistischer „Volksgemeinschaft“ und misslungener Entnazifizierung

Authors

DOI:

https://doi.org/10.60684/msg.v57i1.108

Keywords:

Entnazifizierung, SA-Siedlung, Stadtraum, Siegen

Abstract

Bislang wird „Entnazifizierung“ lediglich mit der politischen Überprüfung von Personen verbunden. Demgegenüber geht der Beitrag auf die Versuche einer „Entnazifizierung“ eines Stadtviertels in der Phase der Transformation von der Diktatur zur Demokratie (1945–1949) ein. Die als Fallbeispiel betrachtete Siedlung in der Stadt Siegen entstand in der Zeit des Nationalsozialismus, als Kleinsiedlungen als ideale Lebens- bzw. Wohnform überhöht wurden. Für die Auswahl seiner Bewohner*innen griffen die Exklusionspraktiken der Nationalsozialist*innen, die mit der propagandistisch verbreiteten Vorstellung einer „NS-Volksgemeinschaft“ verbunden wurden. Mit dem Ende der NS-Herrschaft wurden die politisch einschlägige, ideologisch gefestigte Bewohnerschaft der SA-Siedlung und ihre bisher unbestrittene Dominanz im Stadtraum des Quartiers problematisch. Der Beitrag betrachtet, wie verschiedene Akteursgruppen im Umbau des „gelebten“ Stadtraums mit Praktiken und Argumentationsmustern in einem Aushandlungsprozess um die mentale, körperliche und städtebauliche Besetzung des Raums rangen. Der Umbruch wirkte sich auf die drei Dimensionen des Stadt-Raums aus: In ihrem Handeln für oder gegen die Verweisung von Bewohner*innen wirkten die Akteursgruppen auf den „gelebten“ Stadtraum. Als Diskurs, der medialen Niederschlag z. B. in Schriftwechseln und Resolutionen fand, beeinflusste der Konfliktfall die Repräsentation der Stadt. Nachdem der soziale Austausch der Bewohner*innen fehlschlug, verlagerte sich der zeitbedingte sukzessive Wandel des Viertels auf die Ebene des gebauten Stadtraums.

So far, “denazification” has only been associated with the political scrutiny of individuals. In contrast, this article looks at the attempts to “denazify” a city district during the phase of transformation from dictatorship to democracy (1945–1949). The housing estate in the city of Siegen, which is examined here as a case study, was built during the Nazi era, when small-scale housing estates (“Kleinsiedlungen”) were held up as the ideal way of life and form of housing. The exclusionary practices of the National Socialists, which were linked to the propagandistically disseminated idea of a “Nazi national community” (“NS-Volksgemeinschaft”), were used to select its residents. With the end of Nazi rule, the strongly political, ideologically entrenched residents of the SA estate and their previously undisputed dominance of the neighborhood's urban space became problematic. The article examines how different groups of actors struggled with practices and patterns of argumentation in a process of negotiation over the mental, physical and urban planning occupation of the space in the reconstruction of the “lived” urban space. The upheaval affected the three dimensions of urban space: In their actions for or against the expulsion of residents, the groups of actors had an effect on the “lived” urban space. As a discourse that was reflected in the media, e.g. in correspondences and resolutions, the conflict influenced the representation of the city. After the replacement of the residents failed, the gradual transformation of the neighborhood over time shifted to the level of the built urban space.

Author Biography

  • Katrin Minner, University of Siegen

    Katrin Minner, Dr. phil., war bis 10/2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Siegen, Bereich Europäische Wissens- und Kommunikationsgeschichte der Moderne mit dem DFG-Projekt „Landesgeschichte im Radio“. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Stadt-, Landes-/Regionalgeschichte, Public History, Mediengeschichte und Archivgeschichte. Publikation u. a: Was bleibt von der Stadt der Bürger? Stadtbilder in den Stadtjubiläen der Region Sachsen-Anhalt (1893–1961), Halle 2010. 
    katrin.minner@uni-siegen.de

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Published

2026-06-29